Auch die Kehrseite sehen

9. Februar 2014

Wenn ich über die Schule 3×3 schreibe, kann leicht der Eindruck entstehen, dass hier stets alles in Harmonie abläuft. Auch Besucher der Schule 3×3 erhalten diesen Eindruck. Für mich als Lehrerin und Schulleiterin ist das anders. Ich sehe die Kinder nicht nur in ihren besten Versionen sondern auch in ihren schlechten Versionen. Doch unabhängig vom Wissen um diese beiden Versionen habe ich die Kinder einfach gern. Ich kann sie verstehen und trotzdem von ihnen verlangen, dass sie in der Schule 3×3 hauptsächlich ihre gute Version zeigen. Das bedingt, dass ich die Kinder konfrontiere, das ist oft hart für die Kinder. Sie spüren aber, dass sie stark werden.

David ist ein Knabe, der seine ganz eigene Vorstellung davon hat, wie eine Sache sein muss. Er kann richtig stur sein und andere Kinder fast zur Verzweiflung bringen, weil er nie zufrieden ist mit einem Produkt. Es muss immer noch besser werden. Für das Lernen kann ein solches Verhalten eine hohe Hürde sein, weil viele Lerninhalte vorgegebenen Normen zu folgen haben und nicht immer neu erfunden werden müssen. Man muss David genau auf die Finger schauen, damit er nicht abdriftet.
Es gibt eine Kehrseite.
David ist ein äusserst nützlicher Tutor. Er ist zum Beispiel verantwortlich dafür, dass Maximilian kontinuierlich die Resultate des kleinen Einmaleins automatisiert. David bringt sogleich Ordnung in die Aufgabe, indem er das System „Lernkartei“ einbaut. Gleichzeitig führt er eine Kontrollliste mit unterschiedlichen Kriterien, wie „nicht gewusst“, „länger als 5s studiert“ sowie „falsch gesagt“.

Für mich ist das eine meiner wichtigsten Kompetenzen, dass ich bei den Kindern hinter einer schlechten Version eine gute Version entdecke und sie dem Kind mit Beharrlichkeit zugänglich mache.

Das Lernen in die eigene Hand nehmen

Jedes Kind hat in seinem Logbuch Checklisten auf denen die Lerninhalte für ein Quintal aufgeführt sind. Die Kinder können täglich wählen, ob sie am Kernfach Mathematik oder Deutsch weiterarbeiten wollen. Doch gegen Ende des Quintals und vor allem vor dem Start in dessen letzte Woche haben die Kinder ihre Checklisten besonders kritisch zu studieren. Es gibt Kinder die sehen auf einen Blick, dass sie alle Aufträge erledigen können, andere sind unsicher. Alle kennen die Konsequenz. Wenn sie ihre Checklisten in den Kernfächern abgearbeitet haben, können sie über die Lernzeit verfügen und an den Themen der „Interessenzeit“ weiterarbeiten oder sie können „herumnuschen“, was sie äusserst gerne tun. Am Freitag erschien Maximilian vor Schulschluss mit einem Schulheft unter dem Arm bei mir und gab mir auf meine Frage, was er damit im Sinn habe, die Antwort, dass er daheim weiterarbeiten wolle. Ich schmunzelte und sagte:“ Aha, du sorgst dafür, dass du nächste Woche mehr Interessenzeit hast.“ Ja! Maximilian lachte.

Wie diese Kinder einander unterstützen!

Während einer Woche verbrachten zwei junge Frauen ihr Sozialpraktikum an der Schule 3×3. Sie sind Schülerinnen eines Gymnasiums in der Stadt Zürich. Sie wurden in allen Bereichen des Unterrichts eingesetzt. Zum Abschluss der Woche durften sie gemeinsam die Arbeit für die Geometrie vorbereiten und mit den Kindern durchführen. Was sie aber am meisten beeindruckte, drückten die Zwillingsschwestern etwa so aus:
Wie diese Kinder einander unterstützen und helfen. Sie sind eine Gruppe. So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir kennen nur das, dass jedes Kind für sich schaut und arbeitet. Wir staunen, wie die Kinder sofort gehorchen, ihre Arbeit liegen lassen und zuhören. Das ist bei uns ganz anders. Die Kinder haben es nicht immer einfach. Sie werden sehr gefordert und sie müssen viel wissen zum Zusammenleben.
Es ist so interessant in dieser Schule zu sein. Die Zeit fliegt richtig. Es ist so schade, dass die Woche um ist. Wir sind richtig traurig.

„ Es ist einfach beeindruckend, wie das läuft“.

26. Januar 2014

Am Freitag war eine Besucherin anwesend während zwei Stunden. Als Feedback meinte sie:

„ Es ist einfach beeindruckend, wie das läuft. Ich staune nur noch. Und wie die Grossen die Kleineren unterstützen. Und diese Kinder, die arbeiten wirklich.“

Dieses Statement über den Unterricht in der Schule 3×3 höre ich oft. Das freut mich auch für alle Kinder die täglich ihr Bestes geben oder es versuchen.

Es sind im Moment elf Kinder zu unterrichten und zwar von der ersten bis zur sechsten Klasse. Ich lächle oft auf den Stockzähnen, wenn ich sehe wie flexibel ich bin. An meinem Tisch sitzend erlebe ich innerhalb von zehn Minuten fast das ganze Spektrum an Inhalten des Schulstoffes.

Da kommt ein Sechstklässler. Er berechnet Strecken, die ein Flugzeug innerhalb von Europa zurücklegt. Die einzelnen Abschnitte sind nur in Bruchteilen abgegeben und ein Teil natürlich mit einer Masszahl. Irgendetwas will nicht stimmen. Er hat ganz einfache Zahlen falsch addiert. Ein Fünftklässler erscheint, er musste laut seiner Checkliste D ein Merkblatt lesen und möchte abgefragt werden. Er kennt den Inhalt gut. Ich rufe die nächste Kandidatin. Es ist eine Erstklässlerin. Sie füllt Zahlendreiecke aus, wobei sie deren Inhalt durch Würfeln ermitteln muss. Ich rufe einen Lernpartner herbei. Die beiden setzen sich an meinen Tisch und würfeln, schreiben und zählen dann zusammen. Kontinuierlich überblicke ich alle die an ihren Plätzen arbeiten, erkenne anhand der Körperhaltung wie aktiv sie sind. Hm? Dieses Kind zeigte über längere Zeit keine Arbeit. Es wird herbeigerufen und muss Rechenschaft ablegen. Ein Viertklässler muss Zahlen im Tausenderraum im Kopf halbschriftlich dividieren, wobei er zuerst  in günstige Faktoren zerlegen muss. Er kann das, ist aber sehr langsam. So muss er ab und zu antraben und ich unterstütze ihn. Ein Knabe ist als Tutor beschäftigt. Ein weiterer Erstklässler hat 20 Wortkarten zu lesen, wobei er jeden Tag schneller sein sollte. Der Tutor stoppt die Zeit, kommt dann jubelnd als ich ihn rufe, sein Tutörchen habe eine Rekordzeit hingelegt. Der Tutor macht einen Eintrag in die Checkliste. Das Tutörchen bekommt eine kleine Freudenzeit für die gute Leistung. Ein Knabe überprüfte die Rechtschreibung am Protokoll zu einem Experiment, welches die Gruppe während des MU Unterrichtes gemacht hatte. „ So kann man Plankton herstellen“. Die Rechtschreibung ist jetzt  in Ordnung, doch sachlich ist nicht alles korrekt. Später werden die Kinder als Detektive amten und den Text gemeinsam vervollständigen. Wenn es tönt „Baumzeit“ darf kein Kind an meinen Tisch kommen, auch keine Klammer setzen. Nun arbeite ich fünf Minuten mit dem autistischen Mädchen. Sie arbeitet sehr gerne mit Bildkarten die sie den entsprechenden Wörtern zuordnet. Alles was mit Zählen und Mengen zu tun hat, das liebt sie weniger. Zur Belohnung darf sie ein Puzzle machen.

So läuft und läuft das und ich bin in meinem Element.

Die Mathematik erwacht aus dem Schlaf

19. Januar 2014

Im Laufe der vergangenen Woche wirkte Aljoscha immer nachdenklicher wenn er das Unterrichtsfach Deutsch wählte. Dann am Donnerstag sagte er:“ Ich möchte wieder an der Mathematik weiterarbeiten. Ich habe von ihr geträumt und sie sagte mir, dass sie mich vermisse.“
Am Ende des Schultages schilderte Aljoscha eindrücklich sein Tun im Fach Mathematik. „Ich ging richtig in sie  hinein. Ich tauchte richtig in die Mathematik hinein. Ich war konzentriert.“

Ein Muss für die Schule 3×3

12. Januar 2014

Am Donnerstag steht Leon plötzlich an meinem Pult. Er nestelt an seinem Hosensack herum. Dann legt er eine Rolle mit durchsichtigem Klebeband auf das Pult. „Ich habe gestern mitbekommen, dass einige Kinder nach durchsichtigem Klebeband gefragt haben und es gab nur mattes Klebeband. Darum habe ich für die Schule 3×3 eine Rolle mitgebracht.“

Am Dienstag steht Maximilian vor meinem Pult. Er tut ganz geheimnisvoll. Schaut mich an. „Ich habe ein Geschenk für die Schule 3×3.“ „Oh wie schön.“ Er zieht einen Stapel mit rosafarbenen Post- it aus der Hosentasche. „Ich dachte, dass die Schule 3×3 das gut gebrauchen kann.“

Severin schrieb eine Weihnachtskarte. Am Schluss notierte er, er hätte ein Geschenk für die Schule 3×3 gefunden. Das sei ein Muss. Ich war natürlich sehr gespannt. Severin brachte ein grosses mit Goldpapier verpacktes Geschenk. Ich packte es aus. Zum Vorschein kam ein Ordner mit einem Aufdruck aus der Hobbitgeschichte, Ich freute mich riesig, denn die Geschichte von Hobbit ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Sie ist in wunderschöner Sprache geschrieben.

Ich finde es schön, wie sich die Kinder mit dem Wohlergehen der Schule 3×3 indentifizieren.

Die Schule 3×3 ist auch eine Heinzelmännchen Schule

5. Januar 2014

Maximilian kommt täglich zwischen 7 Uhr und halb acht Uhr zur Schule. Er ist ein Drittklässler. Nach der Begrüssung startet er mit dem Erledigen seiner Jobs für die ganze Gruppe. Er legt alle Logbücher an die Plätze der jeweiligen Kinder. Er verteilt Hefte. Er öffnet die Computer und bereitet die verlangten Dokumente und Programme vor. Er legt CD’s ein und druckt die verlangten Arbeitsblätter aus. Er richtet Kartensets für bestimmte Lernspiele her.
Bereits erscheint Leon. Er öffnet die Fenster. Er ordnet Arbeitsblätter in die vorgegebenen Ordner. Er schreibt Ordner an, er versieht Ordner mit Registern und legt die entsprechenden Inhaltsverzeichnisse ein. Er kontrolliert ob er noch genügend Register im Registerordner hat. Wenn nicht, trägt er Fehlendes auf dem laufenden Einkaufszettel ein. Er locht die Arbeitsblätter. Er schliesst die Fenster. Er kontrolliert, ob überall die Lampen intakt sind.
Klaus erscheint. Er ist zuständig für den Kalender. Er streckt mir täglich einen Zettel des Abreisskalenders entgegen und ich lese die Namen der jeweiligen Namenstage vor. Wir unterhalten uns über die Häufigkeit bestimmter Namen. Klaus informiert mich darüber was er im Radio im Taxi alles gehört hat. Wenn neue Kärtchen erstellt worden sind, dann verstaut er diese in passende Schachteln, Boxen. Er kontrolliert die Ordnung in den Gestellen der Bibliothek. Er ordnet neuerworbene Bücher am richtigen Ort ein.

Wenn diese drei Heinzelmännchen ihre Jobs erledigt haben, dann kümmern sie sich um ihre individuellen Jobs und machen das, was die nachfolgenden Kinder als erstes tun. Sie erscheinen gleich mit ihrem Logbuch bei mir und informieren mich oder besprechen mit mir was sie tun werden, wenn es dann losgeht.

Es herrscht immer ein geschäftiges Tun während der Heinzelmännchen Schule. Alle lieben sie. Je nachdem wie viel Arbeit für die Gruppe zu erledigen ist, werden auch die nachfolgenden Kinder in den Heinzelmännchen Betrieb mit einbezogen.

Die Mathematik schläft

30. Dezember 2013

Aljoscha, einen Knaben der Mittelstufe lasse ich seit über fünf Wochen nur im Fach Deutsch arbeiten. Die Mathematik schläft.

Aljoscha stellt die Checkliste anhand des Lehrmittels „Richtig! Deutsch 1“ eigenständig zusammen. Natürlich muss er mir zuvor seine Planung mündlich vorlegen. Er fühlt sich mächtig stolz, dass er das schafft.

Ab und zu frage ich Aljoscha, ob er nicht Heimweh habe nach der Mathematik. Manchmal antwortet er postwendend, dass er kein Heimweh habe. Manchmal überlegt er und meint nachdenklich, dass er immer noch kein Heimweh habe.

Mit Mathematik kommt Aljoscha trotzdem in Kontakt. Er arbeitet oft als Tutor für die jüngeren Kinder. Er leitet Spiele mit Zahlenkarten, er korrigiert Rechenaufgaben und er wird gerufen, wenn Kinder mit der Darstellung bei schriftlichen Operationen nicht weiter kommen.

Dass die Mathematik bei Aljoscha schläft ist auch für mich ein Experiment. Ich werde über den Fortgang berichten.

Sophia ist mit dabei

21. Dezember 2013

Sophia hat eine Autismus Spektrum Störung. Sie ist Fan der Buben. Sie strahlt, wenn einer von ihnen mit ihr arbeitet. Da sitzt Damian mit Sophia am grünen Tisch inmitten des schoolrooms und will mit ihr ein Puzzle machen. Doch Sophia packt den Buben an der Hand und zieht ihn zum Kasten wo die Farbstifte sowie die Papiere aufbewahrt sind. Sie gibt so kund, dass sie möchte, dass Damian mit ihr zeichnen solle. Genau an diesem Tag meinte Damian, er wolle heute etwas anderes machen mit Sophia. Doch nun kann er nicht widerstehen und er zeichnet Gegenstände, wobei Sophia stets die Farbe auswählen darf. Damian zählt laut die Anzahl der jeweiligen Dinge und schreibt die Ziffer hin.

Während der Pause schaut Sophia liebend gerne den Buben zu wenn sie Hütten bauen im workroom. Eines Tages kriecht auch sie in eine der Hütten.

Vier Buben spielen an einem der Tische Monopoly. Ab und zu schaue ich ihnen zu. Ich staune. Wer sitzt da plötzlich auf dem Stuhl an der Kopfseite des Tisches? Es ist Sophia. Alle freuen sich, dass sich Sophia für ihre Spiele interessiert.

 

 

 

Die Fabrik für Weihnachtsgeschenke

Aussage eines Kindes beim täglichen Feedback zum Schultag. Die Kinder nähten, klebten und beschrieben an diesem Tag Weihnachtkarten.

„Ich weiss gar nicht wie ich es sagen soll. Ich habe viel gearbeitet, aber es war nicht wie Schule.
Es war auch nicht wie Studium. Es war eher wie eine Fabrik, wo alle miteinander Weihnachtsgeschenke herstellen. Ich habe ein paarmal herumgeschaut und ich sah nie ein Kind, das nicht an der Arbeit war. Alle arbeiteten sehr viel. Es war ein schönes Gefühl.“

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